9. Februar 2024

Handel(n) ohne Plan

MieterEcho, Juni 2023
MieterEcho, Juni 2023

Die strukturellen Veränderungen im Einzelhandel gefährden nicht nur viele Arbeitsplätze, sondern auch die Entwicklungsperspektiven vieler Innenstädte. Ein Beitrag für das Mieter Echo

Das Sprichwort „Handel ist Wandel“ reimt sich nicht nur gut, sondern trifft auch oft den Nagel auf den Kopf. Denn nur wer mit Verstand rechtzeitig die richtigen Weichenstellungen im Handel vollzieht, kann sich im Wettbewerb eher durchsetzen und überleben.

In den Nachkriegsjahren, 1950-1960, fand die Versorgung der Bevölkerung in Deutschland mit den notwendigen Waren des täglichen Bedarfs über die lokalen und meist familiengeführten „Tante-Emma-Läden“ statt. Konsumgenossenschaften, Bäckereien und Konditoreien, aber auch Metzgereien prägten damals im Wesentlichen den Einzelhandel. Dieser hat sich seitdem fundamental verändert und die Veränderungen wirken sich auch enorm auf die Innenstädte aus.

Heute prägen Krisen, Übernahmen, Insolvenzen und Umbrüche den bundesdeutschen Einzel- und Versandhandel. Durch die zunehmenden Digitalisierungsprozesse sowie das rasante Wachstum im Online-Bereich wird die gesamte Handelsbranche umgewälzt. Dabei verändern sich Formate und Vertriebsschienen immer schneller und stellen die Gewerkschaften und die Betriebsräte, aber auch die Kommunalpolitik, vor zusätzliche Herausforderungen.

Spätestens seit Beginn der Corona-Pandemie verzeichnen Onlinehandel und E-Commerce einen enormen Siegeszug, der auch weiterhin anhält. Entstanden sind mittlerweile große Konzerne, von denen einige wenige ganze Branchen und Segmente beherrschen. Auf der anderen Seite sind namhafte Einzelhandelsunternehmen von der Bildfläche verschwunden.

Um diese Prozesse zu verstehen, ist ein kurzer Rückblick in die Geschichte hilfreich. Früher haben die Menschen Produkte oder Lebensmittel aus eigenem Landbau auf dem nächstgelegenen Markt verkauft oder gegen andere Waren ausgetauscht. Heute findet das weitgehend im virtuellen Raum auf Plattformen und Websites statt. Dort hat der Kunde eine riesige Auswahl an Produkten. Und diese Plattformen sind räumlich nicht eingegrenzt. Als Kunde kann man heute problemlos auf dem Sofa beliebige Waren aus allen möglichen Orten in der ganzen Welt kaufen und nach Hause liefern lassen. Man hat sozusagen vom Wohnzimmer aus Zugriff auf den gesamten Weltmarkt.

Konzerne müssen reguliert werden

Damit einher geht aber auch eine wachsende Macht- und Kapitalkonzentration. Konzerne bestimmen darüber, wen sie zu welchen Bedingungen auf ihre Websites lassen und damit auch, wer überhaupt am Marktgeschehen teilnehmen darf. Konzerne wie Amazon agieren inzwischen wie Staaten ohne Staatsgrenzen. Für 2022 meldete Amazon einen Gesamtumsatz in Höhe von 513,98 Milliarden US-Dollar. Das übersteigt das Bruttoinlandsprodukt von Staaten wie Österreich, Südafrika oder Chile. Der Nettogewinn wurde 2021 mit 33,4 Milliarden Dollar angegeben.
Da können die regionalen Händler und kleinen Läden nicht mithalten. Der Kapitalismus im Einzelhandel hat ein Niveau erreicht, auf dem Monopole entstanden sind, die durch den Staat reguliert werden müssten. Die Gesellschaft muss sich fragen: Wollen wir, dass Konzerne wie Amazon und Konsorten mehr Macht haben als die gesamte Bevölkerung? Eine Debatte über die Notwendigkeit der Vergesellschaftung von Amazon, Google und Co. ist daher überfällig.

Die immer drängender werdende Frage ist somit, inwieweit der Staat bereit und in der Lage ist, den Zugang zu den Onlineplattformen zu regulieren und zu kontrollieren, damit es keine dramatischen Wettbewerbsverzerrungen gibt. In Bezug auf die digitalen Plattformen gibt es einen riesigen Regulierungsbedarf. Und jedes Handelsunternehmen steht vor der existentiellen Frage, wie es sich künftig aufstellen will.

Die großen Player wie Amazon, jd.com, Otto oder Zalando, künftig vielleicht auch der chinesische Anbieter Alibaba mit dem Markteintritt in Deutschland und weitere Akteure verändern die Marktregeln noch einmal ganz anders. Wenn es Amazon zum Beispiel gelänge, mit dem Online-Lebensmittelhandel Geld zu verdienen, wäre das eine Riesenherausforderung. Von den 5,4 Millionen Beschäftigten im Groß- und Einzelhandel in Deutschland arbeiten rund 1,5 Millionen Beschäftigte im Lebensmittelhandel. Eine ernstzunehmende Online-Konkurrenz im Foodbereich würde die gesamte Branche durcheinander wirbeln. Das heißt aber auch: Die den Lebensmittelhandel noch beherrschenden Unternehmen wären gut beraten, Zukunftskonzepte gemeinsam mit den Beschäftigten und ihren Interessenvertretungen zu entwickeln. Andernfalls werden die Digitalisierungsprozesse zum nicht beherrschbaren Risiko – für die Beschäftigten, aber auch für die Unternehmen und nicht zuletzt für die Entwicklung der Innenstädte.

Denn die befinden sich seit längerem im Krisenmodus. In den zumeist modelastigen Einkaufsstraßen dominieren große Filialketten, zur Verödung tragen auch der Investitionsstau und zunehmende Ladenschließungen bei. Auch wenn aktuell die Schließung von 47 Filialen des letzten deutschen Warenhauskonzerns Galeria Karstadt Kaufhof (GKK) als negatives Sinnbild für die Krise der Innenstädte herhalten muss, ist damit keineswegs die Gesamtkrise des stationären Einzelhandels und noch viel weniger die Verödung der Innenstädte erklärt, geschweige denn richtig analysiert.

Die Corona-Pandemie hat uns diese Krise zum einen bildlich vor Augen geführt und zum anderen den Krisenprozess beschleunigt. Während der stationäre Einzelhandel, insbesondere im Non-Food-Segment, tiefer in den Sog der Krise gezogen wurde, konnten reine Online-Anbieter wie Amazon massiv von der Krise profitieren. Aber auch Unternehmen, die frühzeitig die Verzahnung zwischen stationärem und Onlinehandel vorangetrieben hatten, konnten trotz der Pandemie ihre Umsätze und Gewinne steigern oder wenigstens stabil halten.

Massiv getroffen wurden dagegen der Textileinzelhandel und die Kauf- und Warenhäuser, mit der Folge von Schließungen und dem Verlust von abertausenden Arbeitsplätzen – überwiegend von Frauen – in den Innenstädten.

Es greift aber auch zu kurz, die Verödung und die Krise der Innenstädte ausschließlich oder hauptsächlich mit dem Werdegang von einzelnen Unternehmen und Konzernen wie GKK und dessen Eigentümer René Benko zurückzuführen. GKK war zweifellos der zentrale Anker der meisten deutschen Innenstädte. Und könnte es wieder werden – aber dafür müssten die Beschäftigten einbezogen werden, sie wissen am besten, was in den Häusern nicht funktioniert. Auch die Kommunen und Städte müssten ihren Beitrag zum Erhalt der GKK-Filialen leisten.
Verdrängung und Kannibalisierung

Fünf Faktoren haben den anhaltenden Niedergang der städtischen Einzelhandelsstruktur maßgeblich beeinflusst:

Enormer Zuwachs der Verkaufsflächen, u. a. durch immer mehr Einkaufszentren
Astronomisch hohe Ladenmietpreise
Preiskriege und Vernichtungswettbewerb
Negativer kommunaler Wettbewerb
Ausweitung der Ladenöffnungszeiten und Sonntagsöffnungen

Während die Kommunen und Städte in den letzten vier bis fünf Dekaden die Innenstädte sukzessive vernachlässigt haben, wurde parallel eine Verkaufsfläche nach der anderen außerhalb der Innenstädte auf der „grünen Wiese“ genehmigt, was die Verödung der Innenstädte massiv beschleunigt hat. Das traditionelle „Alles-unter-einem-Dach“-Konzept als Kernmerkmal und Erfolgsgarant der Kauf- und Warenhäuser bekam mit den neuen Einkaufszentren außerhalb der Innenstädte eine enorme Konkurrenz. In einer Themenbroschüre der Gewerkschaft ver.di heißt es dazu: „Die Warenhauskonzerne verloren weiter an Boden. Der Wettbewerbsdruck war mittlerweile enorm gestiegen. Gefordert waren Flexibilität und schnelle Anpassungsfähigkeit. Doch hier hatte die ‚alte Dame‘ Warenhaus Defizite und konnte nicht recht mithalten. ‚Alles-unter einem-Dach‘ zog nicht mehr bei der Kundschaft. Man hatte sich nun irgendwo in die ‚Mitte‘, zwischen Billigangebot und Hochpreissegment manövriert. Doch die Kund/innen hatten das mittlere Segment zwischen Discounter und Luxus aus den Augen verloren. Kurzum: Die Warenhäuser hatten ihr Profil verloren.“

Ferner haben die enormen City-Mietpreise von bis zu 5.000 Euro/qm dazu geführt, dass viele kleine und mittelständische Einzelhandels-, aber auch Handwerksbetriebe entweder Konkurs anmelden mussten oder die Innenstädte verlassen haben.

Andererseits gehört Deutschland zu den Weltmeistern in Bezug auf die Verkaufsfläche pro Einwohner. Der stationäre Einzelhandel verfügt über rund 125 Millionen qm Verkaufsfläche. Somit stehen jedem Einwohner im Durchschnitt etwa 1,5 qm Verkaufsfläche zur Verfügung. In vergleichbar entwickelten Ländern wie Frankreich und Großbritannien sind es 1,2 bzw. 1,1 qm. Hinzu kommt die enorme Anzahl an Einkaufszentren (EKZ). Anfang 2023 gab es bundesweit 509 großflächige EKZ. Im Jahr 2000 betrug die Anzahl der 279. Folgen dieser Flächenexpansion sind Leerstände und Schließungen von Verkaufsfilialen, insbesondere in den Innenstädten. Die Corona-Pandemie hat diesen Prozess noch einmal angeheizt. Der Handelsverband Deutschland beziffert die Verluste seit 2019 auf 41.000 Geschäfte. Filialketten haben demnach bis zu 30% ihrer Standorte aufgegeben.

Der Wettbewerb im Einzelhandel ist in kaum einem anderen Land der Welt so hart wie in Deutschland. Im „Heimat- und Geburtsland“ der Discounter haben es die Handelsunternehmen geschafft, den Kunden einzubläuen, dass der Preis das Wichtigste geworden ist. Daher liefern sich die Handelskonzerne einen erbitterten Preiskrieg um die Gunst der mittlerweile sehr „preissensiblen Kunden“, den man selber angeheizt hat. Die Folgen der Preiskriege sind enorm, und zwar für die gesamten Wertschöpfungs- und Lieferketten.

Neben den Preiskriegen der Konzerne ist die Standort- und Ansiedlungspolitik von zentraler Bedeutung. Viele Kommunen und Städte sind bei der Flächenausweisung entweder blind oder in einer gewissen Abhängigkeit. Die Kommunen werden dabei von der Angst getrieben, dass die Konzerne zu der nächstgelegenen Kommune gehen, wenn sie bei ihnen in der Stadt oder Kommune, aber auch im jeweiligen Stadtbezirk nicht die gewünschten Flächen ausgewiesen bekommen. Diese expansive Ansiedlungspolitik (vor allem großflächiger Einzelhandelsformate) hat den ruinösen Wettbewerb enorm angeheizt – mit massiven Auswirkungen auf die jeweiligen anderen Nachbargemeinden bzw. Städte und Stadtteile.

Wer auf der einen Seite diese Flächenerweiterungen genehmigt, darf sich auf der anderen Seite nicht über die Verödung der Innenstädte wundern und diese beklagen. Eines der zentralen Elemente zur Belebung der Innenstädte liegt in einer klug und langfristig gut angelegten Flächenpolitik der Kommunen und Gemeinden, die einen bedarfsgerechten Mix aus Innenstädten und Umland berücksichtigt. Anstatt sich als permanente Gegner oder Konkurrenten zu sehen, ist ein solidarisches Miteinander der Kommunen – auch zwischen den Metropolregionen und kleineren Gemeinden im Umland – dringend geboten.
Denn schließlich geht es auch um die Nahversorgung der Menschen in den Städten und Gemeinden. Gerade in einer zunehmend älter werdenden Gesellschaft ist dieser Versorgungsauftrag besonders wichtig.

Der Verdrängungs- und Vernichtungswettbewerb läuft längst auch über die Löhne und Gehälter der Handelsbeschäftigten. Im Einzel- und Versandhandel wenden 83% der Betriebe keine Tarifverträge an. Es gibt ganze Segmente in der Handelsbranche ohne Tarifbindung. Die reinen Online-Player wie Amazon, Zalando und jd.com, aber auch die Online-Lieferdienste wie Flink, Flaschenpost, Wolt, Getir u. a. sind quasi tariffreie Zonen.

Durch Tarifflucht und sogenannte „oT-Mitgliedschaften“ (oT = ohne Tarifbindung) in den Unternehmensverbänden des Handels sind Löhne und Gehälter längst zum Spielball des kapitalistischen Wettbewerbs gemacht worden. Immer weniger Konzerne beherrschen ganze Segmente im Handel. In gewissen Segmenten gibt es eine deutliche Überversorgung und einen hohen Konzentrationsprozess. Beispielsweise beherrschen im Drogerieeinzelhandel die drei Konzerne Rossmann, dm und Müller weit über 90% des Marktes. Ähnlich sieht es im Lebensmittelhandel aus. Die größten fünf Konzerne (Edeka, REWE, Lidl, Aldi und Metro) kommen zusammen auf einen Marktanteil von über 80%. Das Marktgeschehen ist also von Verdrängungswettbewerb und Kannibalisierung geprägt.

Kunden sind flexibler geworden

Doch auch der Staat hat über die Bundes- und Landespolitik die Verödung der Innenstädte und den Vernichtungswettbewerb in der Branche mitzuverantworten. Der Konzentrationsprozess hat sich massiv beschleunigt, weil der Staat die Instrumente für diese Entwicklung geschaffen hat. Zum Beispiel durch das Ladenschlussgesetz. Der damalige Vizekanzler und Arbeits- und Sozialminister Franz Müntefering (SPD) setzte 2006 durch, dass die Zuständigkeit für die Ladenöffnungszeiten vom Bund auf die Länder verlagert wird – und hat damit den Wettbewerb massiv angeheizt. Die Großkonzerne handelten nach der Devise: Wir öffnen dann, wenn sich das die anderen nicht mehr leisten können. Dadurch sind viele kleine und mittelständische Unternehmen in die Insolvenz getrieben worden.

Auch die andauernden Versuche, Öffnungszeiten an Sonn- und Feiertagen zur Normalität werden zu lassen, sind bezeichnend für diesen Vernichtungswettbewerb. Dabei wird der Ruf nach mehr Sonn- und Feiertagsöffnungen zunehmend als Strategie gegen den Online- und Versandhandel ausgegeben. Doch dieses „Argument“ ist nicht nur wirtschaftspolitisch Unfug, sondern hat auch gesetzlich keine Grundlage. Denn die Gewerkschaft ver.di hat mit einer Klage gegen die Absicht von Amazon, an den Sonntagen Waren zu kommissionieren und zu versenden, auch in letzter Instanz vor dem Bundesverwaltungsgericht gewonnen.

Daher ist der Wettbewerb unter den Kommunen, Städten und Stadtteilen um immer mehr Ladenöffnungen an Sonn- und Feiertagen ein Holzweg und beschleunigt zusätzlich den Vernichtungswettbewerb in der Branche.

Und wer behauptet, man müsse sich als stationärer Handel gegen den Onlinehandel behaupten, der hat vom veränderten Kundenverhalten und vom zukunftsfähigen Handel nicht viel verstanden.
Denn das Einkaufsverhalten hat sich nicht nur in Deutschland nachhaltig verändert. Die Kunden bedienen sich heute sehr unterschiedlicher Vertriebskanäle und sind zunehmend offener dafür, auch außerhalb des stationären Einzelhandels einzukaufen: Online kaufen und die Ware im Laden abholen, online kaufen und nach Hause liefern lassen, im Laden die Ware ansehen und danach online bestellen oder klassischerweise noch in einem stationären Laden einkaufen – die Möglichkeiten sind vielfältig.

Der Kunde ist deutlich flexibler geworden, und deswegen müssen die stationären Händler und Unternehmen in digitale Prozesse investieren und mit einer „Omnichannel-Strategie“ die unterschiedlichen Einkaufs- und Verkaufskanäle verzahnen und aufeinander abstimmen. Die Handelsunternehmen brauchen den digitalen Laden beziehungsweise das digitale Warenhaus, wenn sie langfristig im kapitalistischen Wettbewerb überleben wollen. Wer das zu spät erkennt, endet wie Hertie, Schlecker oder Praktiker. Alle sind wegen Missmanagement und einem enormen Investitionsstau vor die Wand gefahren worden. Diesen Investitionsstau finden wir im Grunde auch bei Galeria Karstadt Kaufhof wieder.

Doch die Umwälzungen im Handel ziehen noch ganz andere Probleme nach sich. Plattformökonomie, Quick-Commerce, Digitalisierung und Onlineboom samt Versandhandel führen zu neuen Herausforderungen für die Städte und Gemeinden. Unmengen an Waren, die nach Hause geliefert werden, sowie eine enorme Anzahl an Retourwaren – meistens kostenfrei für den Kunden – sind nicht nur eine enorme Belastung für Umwelt und Natur, sondern gehen auch zu Lasten der Lebensqualität in den Städten und Gemeinden.

Die sogenannte „letzte Meile“ bei der Paketzustellung wird zu einem unübersehbaren Problem. Heute fahren teilweise mehr als zehn Lieferanten die gleiche Straße binnen weniger Stunden an. Unternehmen und Städte sind gut beraten, mit innovativen Ansätzen das Problem der letzten Meile anzugehen und Lösungen, z. B. in Form von Kooperationen, zu erarbeiten.

Neben dem virtuellen Leben und dem virtuellen Markt gibt es natürlich noch ein reales Leben mit realen Kunden und realen Menschen, die eine Interaktion in der Stadt, im Laden, in der Kultur brauchen. Deswegen muss man generell über die Funktion der Innenstädte nachdenken. Dabei ist es wenig hilfreich, den wachsenden Onlinehandel als Gegner bzw. Feind des stationären Einzelhandels und folglich als Gegner der Innenstädte zu deklarieren.

Alle Akteure einbeziehen

Wir müssen die Städte neu denken, weil sich der Handel und das Leben der Menschen verändern. In den Innenstädten müssen wieder „normale“ Menschen wohnen, leben und Zeit verbringen können. Eine Durchschnittsfamilie mit zwei oder drei Kindern kann sich den Besuch der Innenstadt kaum noch leisten. Das fängt beim Ticket für den ÖPNV an, und schließlich sollte in der Innenstadt auch mal ein Eiscafé-Besuch oder ein Kino-Film drin sein. Das alles hat viel mit der Einkommenssituation zu tun. Aber auch damit, dass die Innenstädte wieder Begegnungsstätten werden müssen: Soziale Räume, wo Kultur stattfindet, wo ich aber auch Dinge erledigen kann. Deswegen ist der Ansatz von Galeria Karstadt Kaufhof in Kassel ein Schritt in die richtige Richtung. Dort bietet die Kommune gewisse Leistungen im Warenhaus an. Dadurch entsteht eine gute Gelegenheit, sich um ein Anliegen in der kommunalen Behörde zu kümmern und anschließend einzukaufen.

Doch Städte und Kommunen sind gut beraten, die Zukunft von lebenswerten Innenstädten nicht alleine den Entscheidungen bzw. Fehlentscheidungen von Handelsmanagern zu überlassen. Anstatt andauernd die Symptome sowie die Resultate der Krise der Handelsunternehmen in den Innenstädten zu bekämpfen oder zu lindern, müssen Kommunalpolitiker/innen proaktiv tätig werden. Dazu ist die zentrale Frage zu beantworten: In was für einer Innenstadt, Gemeinde, Stadtteil etc. wollen wir als Gesellschaft leben, wohnen, arbeiten. Diese zentrale Frage können die Handelsunternehmen nicht alleine beantworten. Dazu ist eine Beteiligung der Stadt- und Gemeindegesellschaft, der Beschäftigten im Handel, aber auch weiterer Akteur/innen aus Kunst & Kultur, Immobilienbranche, Stadtplaner/innen u. a. m. notwendig. Es ist Zeit für mutige und innovative Schritte. Denn es geht um die Zukunft unserer Innenstädte.

 

Der Handelsexperte Orhan Akman ist seit über 21 Jahren hauptamtlich im Fachbereich Handel der Gewerkschaft ver.di tätig.
In dieser Funktion sitzt er unter anderem in den Aufsichtsräten von Galeria Karstadt Kaufhof, der Parfümeriekette Douglas sowie der Lebensmittel-Filialketten Rewe und Penny. Auf dem ver.di-Kongress im September will er für den ver.di-Bundesvorstand kandidieren. Diesen Artikel verfasste Orhan Akman honorarfrei als ver.di-Mitglied und als Kandidat für den ver.di-Bundesvorstand.

Erschienen im MieterEcho 433 / Juni 2023