3. Dezember 2022

Sonntagsgespräch am Frühstückstisch: Rosen, Dornen und Gewerkschaften

Orhan Akman am Frühstückstisch
Orhan Akman am Frühstückstisch

Meine älteste Schwester war schon immer wortkarg. Dafür sitzt jedes Wort, das sie von sich gibt. Sie ist eine Art „Sniper“, eine Scharfschützin, die sehr geduldig warten kann, allem um sich herum gut zuhört und am Ende den passenden Schuss abgibt – in ihrem Fall das passende Wort, der passende Satz.

Wir sitzen am Frühstückstisch meiner Schwester in München. Es ist Sonntag und wir beide sind früh auf den Beinen. In ihrer gelassenen Art bereitet sie das Frühstück vor, während ich den Tisch decke. Ihre beiden studierenden Töchter taumeln zwischen den Zimmern, der Küche und dem Bad und wundern sich, wie man Sonntags so früh schon wach sein kann.

Kurze Zeit später sitzen wir beide am Tisch und frühstücken, u.a. mit schwarzem Tee. Sie erzählt von ihrer kürzlichen Städtereise in Wien. Ich erlaube mir einen Scherz: „Die Türken standen immer vor Wien, aber du hast es geschafft, reinzukommen“. Sie grinst und kontert: „Das waren ja nur Männer damals, die nicht wussten, wo es lang ging. Hätten sie paar Frauen dabei gehabt, wäre das anders verlaufen.“ Die Kugel, ich meine der Satz, sitzt.

Neben diesem und jenem landen wir beim Thema Gewerkschaften, das bei uns in der Familie schon immer irgendwie präsent war. Unsere Eltern waren beide Mitglieder der IG Metall, unser Bruder bei der IG Medien, Druck & Papier und meine Schwester selber ist, so wie ich, ver.di-Mitglied. Die beiden Töchter meiner Schwester sind Mitglied der GEW. Unsere Eltern haben sich immer gewundert und geärgert, wenn die IG Metall in einer Tarifrunde zu „Warnstreiks“ aufgerufen hatte. „Warum müssen sie den Patron warnen, wenn sie richtig streiken wollen“, war ein Standardsatz meines Vaters zu seinen Lebzeiten.

Meine Schwester, die im Lebensmitteleinzelhandel arbeitet, fragt nach meiner Einschätzung zur Inflation und der im kommenden Jahr anstehenden Tarifrunde im Einzelhandel. Ihre Miete wurde kürzlich erhöht. Ich erzähle ihr von meinen Überlegungen zur Notwendigkeit des politischen Streiks und zu der Rolle, die unsere DGB-Gewerkschaften übernehmen müssen. „Die Gewerkschaften haben uns doch vergessen“, beklagt meine Schwester und ergänzt: „Sie haben doch keine Ahnung, wie wir mit diesen Einkommen und den Preissteigerungen über die Runden kommen sollen.“ Sie erwarte daher nichts Besonderes mehr vom DGB. Sie werde wieder mitstreiken, wenn ver.di im kommenden Jahr zu Streiks aufruft, aber es gingen zu wenige auf die Straße.

In Bezug auf meine fristlosen Kündigungen durch ver.di sagt meine Schwester, dass sie überlegt habe, aus der Gewerkschaft auszutreten. Davon rate ich ihr vehement ab. Sie wundert sich: „Die haben dich nach so vielen Jahren harter Arbeit, die du geleistet hast, einfach so rausgeschmissen, und du verteidigst sie noch.“ Ich falle ihr fast ins Wort, was ich bei ihr selten tue. „Aber Schwester, wer sind die? Mich haben doch nicht die Mitglieder rausgeschmissen. Die Gewerkschaft sind die Mitglieder. Mich hat der Bundesvorstand rausgeworfen. Und der Bundesvorstand ist doch nicht die Gewerkschaft. Jetzt auszutreten, ist absolut falsch. Du musst in der Gewerkschaft bleiben, und am besten organisierst du noch weitere deiner Kolleginnen und Kollegen für die Gewerkschaft.“

Meine Schwester lehnt sich zurück, während sie einen Schluckt aus ihrem Teeglas schlürft. „Das macht mich wütend“, sagt sie und hält kurze Zeit inne, um dann mit einem Sprichwort aus der Türkei „Gülü seven, dikenine katlanır“ („Wer die Rose liebt, erträgt auch ihren Dorn“) das Thema für heute abzuschließen.

Orhan Akman (Kandidat für ver.di-Bundesvorstand)