3. Dezember 2022

Alle Logistik- und Speditionsbereiche in ver.di in einer Bundesprojektgruppe zusammenführen

Orhan Akman
Orhan Akman

Vorschlag zur Weiterentwicklung und Konkretisierung der „Kooperation im Sinne einer strukturierten Zusammenarbeit“ der ver.di-Bundesfachbereiche Handel (Fachbereich D) und Post-Spedition und Logistik (Fachbereich E) sowie Erweiterung auf andere ver.di-Fachbereiche

Von Orhan Akman (Kandidat für den ver.di-Bundesvorstand)

Ausgangslage:

„Die Logistik ist in Deutschland der größte Wirtschaftsbereich nach der Automobilwirtschaft und dem Handel. Sie rangiert noch vor der Elektronikbranche und dem Maschinenbau, mit mehr als 3 Millionen übertrifft sie dessen Beschäftigtenzahl um das Dreifache.

Die Steuerung der Waren- und Informationsflüsse, aber auch der Transport der Güter und ihre Lagerung sind wichtige Wirtschaftsfunktionen, die hohe Werte schaffen. Rund 293 Milliarden Euro Umsatz wurden im Jahr 2021 branchenübergreifend erwirtschaftet. Für 2022 wird ein Wachstum um mehr als 5 Prozent erwartet, welches auch von steigenden Kosten entlang der Lieferketten getrieben ist.

Der Logistik-Markt Europa beläuft sich auf 1.115 Mrd. Euro (2020). Daran hat Deutschland mit gut 25 Prozent einen hohen Anteil. Das liegt nicht nur an der geografischen Lage im Herzen Europas – Deutschland nimmt eine internationale Spitzenposition in Infrastrukturqualität und Logistiktechnologie ein. (…)“ (Quelle: www.bvl.de/service/zahlen-daten-fakten/umsatz-und-beschaeftigung)

Umsetzungsstand und Herausforderungen für ver.di

Bereits seit 2019 findet zwischen den Präsidien der ver.di-Bundesfachbereiche Handel und Post-Spedition-Logistik (PSL) ein regelmäßiger Austausch statt. Ziel der Gespräche ist einen Fahrplan und Vereinbarungen über eine „Kooperation im Sinne einer strukturierten Zusammenarbeit“ zu entwickeln. Anders als andere Fachbereiche in der Organisation, hatten die höchsten Gremien beider Fachbereiche, als einzige eine Fusion innerhalb von ver.di abgelehnt. Der Minimalkonsens in ver.di war es dann, dass sich die Fachbereiche Handel und PSL mehr oder minder zu einer „strukturierten Zusammenarbeit“ verpflichten.

Bei den bisherigen Gesprächen zwischen den Präsidien lag der Fokus auf dem Austausch über die Arbeitsschwerpunkte der beiden Fachbereiche und darauf, die Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede herauszuarbeiten. Dabei wurde z.B. festgestellt, dass eine Synopse der wesentlichen Tarifparameter die Transparenz und das Verständnis der jeweiligen Tarifverträge erhöht und zukünftige Debatten über gemeinsames und geeintes Vorgehen vereinfachen würde.

Amazon als Prototyp der fachbereichsübergreifenden Zusammenarbeit in ver.di

In der Zwischenzeit ist seit 2019 trotz Anfangsschwierigkeiten und Verständnisproblemen der Weg für eine Zusammenarbeit bei Amazon zwischen den Bundesfachbereichen D und E geebnet worden. Diesen Weg gilt es gemeinsam weiter zu entwickeln. Auch in ver.di-Bezirken gibt es schon vereinzelt eine konkrete Zusammenarbeit zwischen den beiden Fachbereichen. Diese ist zum einen einem ohnehin engeren Austausch und Kooperation zwischen den Fachbereichen auf diesen Ebenen geschuldet. Zum anderen ergibt sich die Zusammenarbeit aus der Notwendigkeit aufgrund schwindender personeller Ressourcen in den Bezirken.

Trotz dieser ersten kleinen Schritte hat sich der ver.di-Bundesvorstand bisher nicht zu einer ganzheitlichen gewerkschaftlichen Strategie und Taktik zu Amazon herangewagt, obwohl namentlich aus der Bundesfachgruppe Einzel- und Versandhandel hierzu wichtige Impulse und schriftliche Vorschläge, die mit ehrenamtlichen Amazon-Kolleg*innen entwickelt wurden, auf den Tisch gelegt wurden.

Statt unsere gewerkschaftliche Arbeit bei Amazon auf unterschiedliche Fachbereiche zu verteilen (wie das seit letztem Jahr durch einen Beschluss des ver.di-Bundesvorstandes der Fall ist, nach dem die Fulfillment-Center im Fachbereich Handel angesiedelt sind, aber die Verteil- und Sortierzentren beim Fachbereich PSL), ist – nicht nur bei Amazon – ein einheitliches Vorgehen nötig. Ziel dieses einheitlichen Vorgehens muss dabei die fachbereichsübergreifende Bündelung von Synergieeffekten sein, um die Arbeit vor Ort und in den Betrieben zu stärken. Den Beschäftigten und unseren Mitgliedern ist es wichtig, dass ver.di präsent ist und sie Ansprechpersonen haben. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese nun im Bereich Handel oder PSL zuständig sind. Dementsprechend wurden in einigen Bezirken folgerichtig Projektsekretär*innen eingestellt, die bei Amazon für alle Bereiche tätig sind.

Ein wichtiger und notwendiger nächster Schritt: Zusammenführen aller Logistik- und Speditionsbereiche und Errichtung einer gemeinsamen Bundesprojektgruppe

Die meisten gewerkschaftlichen und inhaltlichen Überschneidungen in den beiden Fachbereichen liegen im Bereich der Logistik, Handelslogistik, Spedition, Handelsspedition, aber auch im Bereich der Logistik und Versand/Spedition des Online- und Versandhandels. Insbesondere bei der sogenannten „letzten Meile“ der Lieferung von Waren, gibt es in vielerlei Hinsicht Überschneidungen zwischen den beiden ver.di-Fachbereichen. Sowohl in Bezug auf die ausgeübten Tätigkeiten, den Entwicklungen in den genannten Teilbranchen und Unternehmen, als auch in Bezug auf die Tarifarbeit und unsere Tarifpolitik ist eine engere und konkretere Zusammenarbeit in diesen Teilbranchen möglich, aber auch dringend nötig.

Daher sollten die Bundesfachbereiche Handel und PSL die Idee zur Errichtung einer gemeinsamen „Bundesprojektgruppe Logistik, Handelslogistik, Speditionen“ in den jeweils zuständigen Gremien beraten und festlegen. Dabei soll es nicht darum gehen, die exzistierenden Bundesfachgruppen der jeweiligen Bundesfachbereichen aufzulösen. Diese sollen, um auch den branchenspezifischen Unterschieden beider Bereiche Rechnung zu tragen, in angepasster und personell reduzierter Weise erhalten bleiben.

Die Überschneidungen zwischen den Bereichen beschränken sich nicht nur auf die Fachbereiche Handel und PSL. Um mehr Durchsetzungsstärke zu generieren und eine einheitliche Strategie zu entwickeln, sollte geprüft werden, die Logistik- und Speditionsbereiche aus anderen Fachbereichen, beispielsweise dem Bereich der Maritim- und Hafenlogistik sowie der Frachtlogistik an den Flughäfen, in diese Bundesprojektgruppe einzubinden und zu integrieren.

Für die Umsetzung auf Augenhöhe und unter solidarischer Beteiligung der betroffenen ehrenamtlichen Gremien ist es dabei notwendig, eine gemeinsame und paritätisch besetzte Bundesprojektgruppe mit der Unterstützung des Bereichs Organisationspolitik ins Leben zu rufen. Die Aufgabe dieser Bundesprojektgruppe ist die Weiterentwicklung und Konkretisierung der künftigen gemeinsamen Arbeit in diesen Bereichen sowie die Gewährleistung von Rückkopplungsprozessen in die jeweiligen Fachbereiche. Wichtig ist dabei, dass diese Diskussion in den ver.di-Bezirken ebenso geführt wird, sobald die beteiligten/betroffenen Bundesfachbereiche einen möglichen Fahrplan für die Errichtung dieser Projektgruppe verabredet haben.

Tarifarbeit und tarifpolitische Stärkung in allen Logistik- und Speditionsbereichen

Durch die gemeinsame Bundesprojektgruppe sollte neben der inhaltlichen Zusammenarbeit zu den Unternehmen und den Teilbranchen, anhand einer Synopse der bisherigen Tarifarbeit die wesentlichen Tarifparameter erarbeitet werden. Dadurch kann der Weg für den Ausbau unserer Tarifmacht durch einen künftigen eigenständigen bundesweiten Tarifvertrag für diese Unternehmen und Teilbranchen diskutiert und geebnet werden. Ziel muss dabei sein, dass tarifpolitisch zusammengeführt wird, was zusammengehört, damit wir in diesem Sektor künftig schlagkräftiger werden und fachbereichsübergreifend gemeinsam agieren.

Zur Umsetzung sollten die betroffenen Fachbereiche bis zum ver.di-Bundeskongress im September 2023 dazu ein abgestimmtes Vorgehen und ein Plan erarbeiten. Der Kongress als höchstes ehrenamtliches Gremium entscheidet dann über die nächsten Weichenstellungen und hinterlegt diese mit konkreten nächsten Schritten nebst Zeitschiene. Die Kosten und die Finanzierung der Arbeit der Bundesprojektgruppe wird über die Bundesmittel der Organisation gewährleistet, bis der Kongress im September 2023 die Konkretisierung und den weiteren Fahrplan für diese Bundesprojektgruppe festlegt.

In einem weiteren Schritt muss die Zusammenarbeit innerhalb der DGB-Gewerkschaften zur Organisierung sowie zur Tarifarbeit im Bereich der Logistik und Speditionen, beispielsweise der Kontraktlogistik mit der IG Metall, ausgebaut bzw. endlich in die Wege geleitet werden.

Quelle: www.bvl.de/service/zahlen-daten-fakten/umsatz-und-beschaeftigung