Tageszeitung junge Welt, Beilage zum 01.05.2025
25 Jahre Verdi: Die Gewerkschaft befindet sich in einer tiefgreifenden Krise
Von Orhan Akman
Auch wenn Verdi in den vergangenen 25 Jahren gut ein Drittel ihrer Mitglieder verloren hat, sei die Fusion der fünf Gewerkschaften ÖTV, HBV, IG Medien, DAG und DPG alternativlos gewesen. So lautete das Resümee in einer Veröffentlichung der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) vom 10. März aus Anlass des diesjährigen Jubiläums der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft. Der klassische Angestelltenberuf als Daseinsgrund der DAG verschwand zunehmend, der ursprüngliche Organisationsbereich der DPG – die Deutsche Bundespost – gab es nicht mehr. Die Grenzen zwischen öffentlichen und privaten Dienstleis-tungen, zwischen alten und neuen Branchen hatten sich verschoben und verschieben sich immer wieder. Dem sei »trotz aller Schwierigkeiten einer komplexen Matrixorganisation langfristig und strategisch nur mit einer Multibranchengewerkschaft« zu begegnen, so die FES-Autoren.
Das Rad ist nicht zurückzudrehen, trotzdem widerspreche ich der FES-Einschätzung. Die Verdi-Gründung war weder eine Fusion noch alternativlos. Dass längst nicht alle dafür vorgesehenen Gewerkschaften für das Vereinigungsprojekt waren, hatte Gründe. So befürchtete die Gewerk-schaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG), die wesentlich kleinere Betriebe organisiert, gegenüber der ÖTV,die den öffentlichen Dienst, Transport und Verkehr vertrat, oder gegenüber der Postgewerkschaft in die Bedeutungslosigkeit zu versinken. Auch in den Gewerkschaften GEW und EVG überwogen die Stimmen, die in dem Projekt eine Übernahme sahen und sich deshalb für die Eigenständigkeit entschieden. Und rückblickend ist das nicht von der Hand zu weisen. Die ÖTV, die von 2,81 Millionen Verdi-Mitgliedern bei deren Gründung gut 1,5 Millionen beitrug, hat die anderen Gewerkschaften geschluckt. Das zeigt sich nicht zuletzt in der Struktur, die eher einem verstaubten und bürokratischen staatlichen Verwaltungsapparat ähnelt. Auch Begriffe wie »Fachbereiche« und »Fachgruppen« sind typische ÖTV-Überbleibsel.
Aus fünf Gewerkschaften wurden 13 Fachbereiche, die später wieder zu fünf fusioniert wurden. Statt gewerkschaftliche Doppelstrukturen abzuschaffen,hat man neue geschaffen. Es gibt etliche Koordinierungsstellen zwischen den Bezirken, Landesbezirken und der Bundesverwaltung. Anstatt einer großen, progressiven und schlagkräftigen Gewerkschaft entstand mit Verdi ein riesiger Verwaltungsapparat. Gerade der Überbau in der Bundesverwaltung ist riesig. Auch die Landesebene könnte zumindest für den privaten Sektor abgeschafft werden. Denn der wird nach Konzentrationsprozessen von Megakonzernen dominiert, die nicht regional, sondern global agieren.
Auch die Budgetierung ist den kommenden Herausforderungen nicht angemessen. So gibt es z.B. im Bereich der Energieversorgung und der Banken nicht so viele Mitglieder, diese zahlen aber einen höheren Beitrag. Entsprechend besser ist dort das Betreuungsverhältnis von Gewerkschaftssekretär pro Anzahl der Mitglieder. Mit Blick auf die Zukunftsbranchen und die notwendige Mitgliederentwicklung müsste man mehr Finanzen in Branchen wie Logistik, Handel, Pflege und Plattformökonomie lenken. Die finanziellen und personellen Ressourcen müssen nah am Mitglied und damit am Betrieb bzw. an der Dienststelle eingesetzt werden.
Kurzum: Anstatt dass die fünf Einzelgewerkschaften ihre Probleme richtig analysieren, hat Verdi deren Schwächen im wesentlichen übernommen. Aus fünf kranken Katzen konnte kein starker Tiger werden.
Das größte Problem aber gegenwärtig und entscheidender Grund für den eklatanten Mitgliederverlust sind eine unzureichende Mobilisierung und die Staats- und Regierungsnähe der Gewerkschaft(en). Tarifauseinandersetzungen, insbesondere die großen im öffentlichen Dienst, sind so geplant,dass es nach der dritten Verhandlungsrunde einen Abschluss gibt. Die Politik hat von Verdi, aber auch vom DGB insgesamt, nichts zu befürchten. Die letzten großen Demonstrationen der Gewerkschaften gegen die Regierung fanden im Zuge der »Agenda 2010«-Reformen statt. Da wurden Plätze, Straßen, das politische Mandat beansprucht. Das gibt es nicht mehr. Der praktische Kampf gegen die Regierung und in weiten Teilen gegen Unternehmen wurde von der Straße und den Betrieben in die »virtuelle Welt«verlagert. Außer Social-Media-Posts und Sharepics passiert derzeit nicht viel. Dabei bin ich mir sicher, dass Verdi von den noch 1,8 Millionen Mitgliedern locker 100.000 mobilisieren könnte – zum Beispiel gegen Krieg, Aufrüstung, Militarisierung und dafür, dass der Bundeshaushalt statt dessen in die sozialen Sicherungssysteme investiert wird.
